Im Alter von 26 Jahren musste Michael Jung seinen Sam gehen lassen. Er war ohne Zweifel das erfolgreichste Vielseitigkeitspferd und ebnete Michael Jung den Weg an die Weltspitze. Zu den zahllosen Highlights seiner Karriere zählen natürlich die zwei Einzelgoldmedaillen bei den Olympischen Spielen in London und Rio, sowie Teamgold 2012 und Teamsilber 2016. Außerdem gewann Michi Jung mit ihm seinen ersten wichtigen Einzeltitel bei der WM 2010 in Kentucky. Des weiteren konnte Jung als einziger deutscher Reiter bisher mit Sam die 5*-Prüfungen in Badminton und Burghley für sich entscheiden.
Sam kam kurz nach der Jahrtausendwende bei seinem Züchter Günter Seitter in Aidlingen zur Welt. Den hohen Vollblutanteil verdankte er nicht nur seinem Vater Stan the Man xx vom Landgestüt Marbach, sondern auch seiner Mutter Halla, die von Heraldik xx abstammte. Michi Jung entdeckte den eher unscheinbaren Württemberger bei seinem Züchter und bildete ihn nach und nach behutsam aus. Erstmalig trat er 2005 bei den Bundeschampionaten auf einer größeren Bühne in Erscheinung und belegte dort im Finale den 5. Rang. Für einen Platz auf dem Treppchen reichte es damals aufgrund der ausbaufähigen Dressurleistung noch nicht. Als Sechsjähriger belegte er in Warendorf den sechsten Platz im Finale und konnte im gleichen Jahr bereits zwei CIC1*-Prüfungen (heute CCI2*-S) für sich entscheiden. Die Fachwelt dürfte erstmalig Ende der Saison 2006 auf Sam aufmerksam geworden sein, als er bei der WM der jungen Vielseitigkeitspferde in Le Lion d’Angers die Silbermedaille gewann. Ein Jahr später gelang ihm mühelos der Sprung in die Klasse CIC2* (heute CCI3*-S), wo er bereits einige Topplatzierungen und auch einen Sieg holen konnte. Bei seiner zweiten Reise nach Le Lion gewann er als Siebenjähriger erneut die Silbermedaille und konnte im darauffolgenden Jahr den Sprung in die nächsthöhere Klasse meistern. Bei seinem ersten Start auf 3*-Niveau (heute CCI4*-S) in Marbach konnte Sam gleich Platz 3 belegen, mit gerade einmal acht Jahren!
Sein Debüt in der Königsklasse der Vielseitigkeit, der CCI4* (heute CCI5*-L) in Luhmühlen krönte der damals erst neunjährige Sam, nun als La Biosthetique Sam FBW unterwegs, sogleich mit einem Sieg. Übrigens war dies auch der allererste Start für Michi Jung auf diesem Niveau. Nachdem das Duo rund zwei Monate später auch noch das Weltcupfinale in Strzgeom für sich entschied, folgte ebenfalls 2009 die erste Championatsnominierung für die Europameisterschaften im französischen Fontainebleau. Während es für das Team damals ganz und gar nicht nach Plan lief (drei der vier Teamreiter schieden aus oder gaben auf), gaben Michi und Sam einen Vorgeschmack auf das was noch kommen sollte und sicherten sich Einzelbronze. 2010 stand dann die erste Flugreise zu den Weltreiterspielen nach Kentucky an, wo die Newcomer das starke Feld ab der ersten Teilprüfung anführten und schlussendlich mit neun Punkten Vorsprung den Weltmeistertitel holten.
Nach dem Titelgewinn folgte im Herbst bzw. Winter ein Krimi der anderen Art, denn es war lange Zeit ungewiss, ob das Traumduo auch in den folgenden Jahren weiter zusammen antreten kann. Die damalige Mitbesitzerin von Sam wollte ihre Anteile verkaufen und holte das Pferd zwischenzeitlich aus dem Stall Jung ab, da es angeblich ein millionenschweres Angebot für Sam gab. Nach einer richterlichen Entscheidung musste sie das Pferd jedoch wieder herausgeben und schlussendlich kauften das DOKR sowie ein guter Freund der Familie Jung, Erich Single, ihr die Anteile ab, sodass das Ausnahmepaar weiterhin nach den Sternen greifen konnte.
Ein Jahr später zeigte sich erneut wie goldrichtig diese Investition war, denn das Duo holte in Luhmühlen Einzelgold sowie den Teamtitel bei den Europameisterschaften. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London trug Sam sich dann endgültig in die Geschichtsbücher ein, als er sowohl Einzelgold als auch Teamgold für Deutschland holte. Damit gelang ihm, was vorher und auch seitdem keinem Pferd je gelungen war: Er hatte gleichzeitig den Titel des Europameisters, des Weltmeisters und des Olympiasiegers inne.
2015 holte er außerdem als erstes Pferd für Deutschland den Sieg in der prestigeträchtigen CCI5*-L Prüfung in Burghley und verhalf Michi Jung mit einem weiteren Sieg im Mai 2016 bei den Badminton Horse Trials zum Gewinn des Grand Slam der Vielseitigkeit. Diese Auszeichnung holte vor ihm nur die Britin Pippa Funnell und sie wird vergeben, wenn die drei 5*-Prüfungen in Burghley, Lexington und Badminton in beliebiger Reihenfolge von dem gleichen Reiter direkt hintereinander gewonnen werden. Schützenhilfe bekam Sam hier von seiner Stallkollegin fischerRocana TSF, die die Prüfung in Lexington gewann.
Eigentlich war für die Olympischen Spiele 2016 gar nicht Sam vorgesehen, denn Jungs erste Wahl für Rio war der deutlich jüngere Takinou, der 2015 Doppelgold bei den Europameisterschaften geholt hatte. Doch dieser fing sich kurz vor der Abreise ins Trainingslager eine Virusinfektion zu, sodass der mittlerweile 16-jährige Sam kurzfristig einsprang und nach Rio flog. Dort setzte er schließlich seine unglaubliche Geschichte fort, beendete als einziges Pferd die Prüfung mit seinem Dressurergebnis und gewann erneut olympisches Gold in der Einzelwertung, im Team kam zudem die Silbermedaille hinzu. Neben Sam gelang es in der Geschichte nur der Stute Charisma des Neuseeländers Mark Todd drei olympische Goldmedaillen in der Vielseitigkeit zu holen.
Nach dem historischen Erfolg in Rio wurde Sam in den letzten beiden Jahren seiner Karriere nur noch dosiert in einzelnen Prüfungen eingesetzt. 2017 wurde er noch einmal hervorragender Zweiter in Badminton, am gleichen Ort ging er 18-jährig seine letzte internationale Vielseitigkeit und belegte dort Rang 10. Ende der Saison 2018 wurde er schließlich in der Stuttgarter Schleyerhalle gebührend aus dem Sport verabschiedet. Neben den großen Championatserfolgen bestach Sam mit einer unglaublichen Konstanz in seinen Leistungen: Er konnte 24 internationale Prüfungen für sich entscheiden und sich in weiteren 29 Prüfungen unter den Top 5 platzieren (bei 63 internationalen Starts in seiner gesamten Karriere).
Seinen Lebensabend verbrachte Sam auf dem Hof im Kreise der Familie Jung und des Teams, was sich rund um die Uhr um das Wohlergehen der Pferde dort kümmert. Sam graste dort mit Jungs weiteren Erfolgspferden Rocana und Chelsea auf dem hofeigenen Geländeplatz und auch Michis Kinder Lio & Mara durften den einstigen Erfolgspartner ihres Papas noch kennenlernen.
Danke Sam, für die Erfolge, Emotionen und Momente, die du deinen Menschen und auch all den Fans über viele Jahre hinweg geschenkt hast!
