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Buschreiter-Kommentar: Wie die WM 2006 meine (bis heute ungebrochene) Begeisterung für die Vielseitigkeit entfachte

Normalerweise berichten wir bei Buschreiter sachlich, an Daten & Fakten orientiert und unsere eigene Meinung ist eher zweitrangig bzw. kann, wenn überhaupt, zwischen den Zeilen gelesen werden. Doch nun, eine Woche bevor die WM der Vielseitigkeitsreiter in Aachen offiziell mit der ersten Verfassungsprüfung startet, ist es mir ein Anliegen noch einmal in die Vergangenheit zu blicken und aus der eigenen Perspektive zu berichten, was für ein Schlüsselerlebnis die Weltreiterspiele 2006 aus meiner persönlichen Sicht waren und welches Potenzial dementsprechend auch in den diesjährigen Weltmeisterschaften liegt.

2006 war ich 10 Jahre jung und meine reiterliche Entwicklung hatte zu dem Zeitpunkt eher noch wenig mit sportlichen Ambitionen zu tun. Mein Pony Cocky konnte ich noch nicht sicher durchs Genick reiten und auch beim Springen tat ich mich noch recht schwer und war eher ängstlich. Meine Eltern packten meine beste Freundin und mich damals ein, um mit uns ins etwa zwei Stunden entfernte Aachen zur Geländeprüfung der World Equestrian Games (WEG) zu fahren. Dort angekommen inmitten der Soers erlebte ich dann an dem Tag ein Mix aus Gefühlen, die ich so noch nicht bewusst erlebt hatte: Aufregung, Mitfiebern und völlige Überwältigung von all den Eindrücken. Die weitläufige Strecke war komplett gesäumt von Zuschauenden, selbst auch den Galoppstrecken standen (so zumindest in meiner Erinnerung) überall Menschen und jubelten den Buschreitern aus aller Welt zu. Zahlreiche Fans kamen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, Ketten und Hüten, da ja kurz zuvor die Fußball WM im eigenen Land stattgefunden hatte, waren alle noch gut ausgestattet.

Als dann unsere deutschen Teamreiter Frank Ostholt mit Air Jordan, Hinrich Romeike mit Marius Voigt Logistik, Bettina Hoy mit Ringwood Cockatoo und Ingrid Klimke mit Sleep Late sowie die Einzelreiter Andreas Dibowski mit FRH Serve Well und Dirk Schrade mit Sindy mit weißen Shirts und weißem Helmüberzug mit Deutschlandemblem durch den Kurs galoppierten war die Aufregung an allen Ecken förmlich zu spüren. Doch auch damals lernte ich schon, dass es im Sport nicht immer so läuft wie man es sich wünscht: Ingrid Klimke hatte nach der Dressur auf dem zweiten Platz gelegen und war mit guten Aussichten auf eine Einzelmedaille ins Gelände gestartet, doch zwei Unterbrechungen (oder wie man damals noch sagte ,,Verweigerungen“) ließen die Einzelmedaillenträume platzen. Doch das Team hielt zusammen und Dank toller Nullrunden der anderen drei Reiter konnte die deutsche Equipe unter der Leitung von Hans Melzer als Führende in das abschließenden Springen gehen, wo sie dann am Sonntag sensationell Mannschaftsweltmeister wurden.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir auch bis heute das für Neuseeland startende Pferd Glengarrick, der mit der Radiomoderatorin Helaan Tompkins zu einem grandiosen siebten Platz galoppierte. Der wirklich kleine Vollblüter war zum Zeitpunkt der WM bereits 20 (!!!) Jahre alt und war als Rennpferd nach einer erfolglosen Karriere aussortiert worden. Wie dieses Pferd in dem hohen Alter noch mit gespitzten Ohren durch die Soers flitzte hat mich nachhaltig stark beeindruckt.

Nach dem aufregenden Geländetag stand Abends im großen Springstadion noch die Kür der Dressurreiter unter Flutlicht an, für die wir ebenfalls Karten hatten. Das Stadion war bis auf den letzten Platz besetzt und die Dressur wurde, meiner Erinnerung nach, erstmalig bei der WM im Springstadion durchgeführt. Vor 40.000 Zuschauern war noch nie in der Geschichte Dressur geritten worden. Allerdings erinnere ich mich dort nur noch vereinzelt an die Ritte, z.B. von Isabell Werth mit ihrem Satchmo, die damals Bronze gewann oder Andreas Helgstrand, der mit der erst neunjährigen genialen Blue Hors Matiné erstmalig auf ganz großer Bühne um die Medaillen mitreiten konnte. Leider endete die Karriere der außergewöhnlichen Schimmelstute schon ein Jahr später verletzungsbedingt. Aufgrund der späten Startzeiten (der letzte Reiter ritt damals nach 23 Uhr für seine Kür ein) schliefen meine Freundin und ich jedoch irgendwann auf unseren Sitzen ein und träumten bereits davon, auch einmal durch die Geländestrecke auf der Soers zu galoppieren.

Auch wenn es mit diesem Traum noch nicht geklappt hat und sich der Aufstieg in den internationalen Vielseitigkeitssport in den nächsten Jahren als durchaus beschwerlich und nicht ganz so leicht herausstellte, wie ich es mir damals als zehnjähriges Mädchen vorstellte, so würde ich doch auch heutiger Perspektive immer noch sagen, dass die WM 2006 für mich persönlich ein Schlüsselmoment war, der meine Begeisterung für den Vielseitigkeitssport entfachte und mich ehrgeizig werden ließ. Eine Begeisterung die bis heute anhält: Wenn ich morgens auf dem Turnier den Ansager höre, der den anstehenden Geländetag ankündigt und das erste Pferd mit gespitzten Ohren die Startbox verlässt, dann bekomme ich immer noch Gänsehaut und kann mich unendlich dafür begeistern, wenn Pferde und Reiter als vertrauensvolle Einheit über die Geländestrecke fliegen. Ganz gleich ob in einer A-Vielseitigkeit oder eben bei einer Weltmeisterschaft.

Meine Hoffnungen für die nun anstehende WM sind, dass auch dieses Jahr pferdebegeisterte Jungs und Mädchen in Aachen ähnliche Erfahrungen machen dürfen wie ich vor 20 Jahren und dass wir einen Sport erleben, der die Schönheit der Vielseitigkeit auf höchstem Niveau repräsentiert. Ganz gleich, welche Nation am Ende oben auf dem Treppchen steht.

von Elisa Abeck

Bild Abaca Press (Alamy) – Hinrich Romeike mit Marius Voigt Logistik bei den WEG Aachen 2006

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