in ,

WM Aachen Vielseitigkeit: Michi Jung holt mit fischerChipmunk FRH die Goldmedaille

Nach einem spannenden Finale sicherte sich Michi Jung mit seinem bereits 18-jährigen fischerChipmunk FRH mit einer Nullrunde sensationell seinen zweiten Weltmeistertitel in der Einzelwertung der Vielseitigkeit. Und das nach drei Einzelgoldmedaillen bei Olympischen Spielen. Auch das deutsche Team zeigte am letzten Tag geschlossen tolle Leistungen und gewann hinter den Briten die Silbermedaille. In der Einzelwertung ging die Silber- und die Bronzemedaille ebenfalls nach Großbritannien.

Einen sehr spannenden Sonntag bekamen die Vielseitigkeitsfans in der Aachener Soers geboten. Schon um 9:30 Uhr waren zahlreiche Besucher angereist, um sich die finale Verfassungsprüfung im Dressurstadion der Vielseitigkeit zu verfolgen. Bereits dort wurde es spannend, denn gleich sechs Pferde wurden nach dem beendeten Gelände nicht mehr zur zweiten Verfassungsprüfung vorgestellt: Lillet (Tamra Smith/USA), Diabolo Menthe (Nicolas Touzaint/FRA), Safira (Carlos Parro/BRA), Vinci de la Vigne (Kento Nagura/ JPN), Feroza Nieuwmoed (Ryuzo Kitajima/JPN) sowie Chevalier (Daniel Dunst/AUT) beendeten die WM vorzeitig und traten am Sonntag nicht mehr an. Des Weiteren mussten Uelzener’s Nickel (Julia Krajewski/GER), Frieda (Felix Vogg/SUI) und Kiarado d‘Arville (Lara de Liedekerke-Meier/BEL) in die Holding Box, bekamen jedoch beim erneuten Vortraben das OK der Ground Jury. Damit waren alle 59 zur Verfassung vorgestellten Pferde zum abschließenden Springen zugelassen.

Nach einer kurzen Verschnaufpause ging es dann ab 13 Uhr direkt mit der Springprüfung weiter. Der Kurs hatte es in sich: 16 Sprünge galt es mit einer Höhe von 1,30 Meter zu überwinden. Nach einem freundlichen Einstieg in den Kurs wählte Parcourschef Frank Rothenberger anspruchsvolle Linien wie beispielsweise zwei zweifache Kombinationen direkt hintereinander dicht an die Bande gebaut oder eine weite im Fluss zu überwindende Trippelbarre auf einen luftigen Steilsprung mit weißer Planke in der obersten Auflage. Auch die Zeit war so bemessen, dass die Reiter auf jeden Fall nicht bummeln durften. Am Ende schafften es 13 der 59 gestarteten Paare ganz ohne Strafpunkte durch den Parcours zu kommen.

Aus deutscher Sicht wurde es erstmalig richtig spannend, als Libussa Lübbeke mit ihrer 16-jährigen Caramia FRH in den Parcours einritt. Die beiden absolvierten eine konzentrierte und sichere Runde, jedoch mit dem ein oder anderen Stangenkontakt und leider fiel das elfte Hindernis, ein luftig überbauter Wassergraben auf der Schlusslinie. Die beiden beendeten ihre erste WM mit -61,1 Punkten auf einem starken 41. Platz und damit im vorderen Mittelfeld. Eine sensationelle Leistung mit einem selbstgezogenen Pferd, dass Libussa seit Tag 1 ihres Lebens kennt. „Caramia war die ganze Woche unglaublich! Es ist einfach toll hier in dieser Atmosphäre und von so vielen Fans umgeben zu sein, die einen unterstützen und anfeuern,“ so die erst 25-jährige Sportsoldatin nach ihrem Abschlussritt im großen Stadion.

Nach der Mittagspause gingen dann Uelzener’s Nickel und Julia Krajewski als zweites deutsches Duo in den Springparcours. Auf den beiden lastete ein gewisser Druck, denn es galt den Abstand auf die zu dem Zeitpunkt drittplatzierte Mannschaft nicht schrumpfen zu lassen. Wie schon am Tag zuvor im Gelände zeigten die beide eine Bilderbuchrunde, die auch in jedem Stilspringen mit Höchstnoten belohnt worden wäre. Leider war das Glück nicht ganz auf ihrer Seite und die Planke nach der Trippelbarre fiel nach leichter Berührung: ,,Nickel fühlte sich heute richtig gut an und er sprang auch sehr gut. Abgesehen von dem Steilsprung, zu dem ich heute etwas zu dicht kam und er seine Hinterbeine vielleicht einen Zentimeter hätte höher heben können hatten wir eine fast perfekte Woche und er hat einen sehr guten Job für das Team gemacht.“  Mit -39,6 Punkten beendeten die beiden die WM in der Einzelwertung auf Rang 17/87.

Richtig spannend machte es Malin Hansen-Hotopp mit ihrem Carlitos Quidditch K, der aktuell wirklich in der Form seines Lebens zu sein scheint. Schon bei der Verfassung am Sonntag Morgen wirkte er sehr frisch, locker und motiviert. Auch im Parcours wusste er anscheinend, dass es heute um etwas geht und sprang von vorne bis hinten vorsichtig, mit viel Kraft und Übersicht. Wenn Malin mal die eine oder andere Distanz nicht ganz optimal traf, sprang ,,Schimmi“ einfach etwas höher und zeigte sein Vermögen. Am Ende blieben sie an den Hindernissen ohne Fehler und kamen mit nur 1,2 Zeitfehlern ins Ziel: ,,Ich hatte heute die ganze Zeit nicht so einen schönen Rhythmus und habe immer nur an meine Sachen gedacht, dass ich nicht nervös werde, sondern einfach immer meinen Plan weiter mache und er sprang so fantastisch heute, ich hätte wahrscheinlich noch schlechter reiten können und er hätte keinen Fehler gemacht. Ich muss ihn schon auch manchmal etwas zusammen halten, weil wenn er so vorwärts geht wie im Gelände, dann springt er ein bisschen wie eine Giraffe. Aber heute war er definitiv besser als ich, aber es ist halt ein Teamwork und da bin ich ganz glücklich, dass er das so für mich möglich macht.“ Die WM beendeten sie auf einem hervorragenden neunten Platz mit -33,3 Punkten und konnten sich sogar über ein Preisgfeld von 2200 Euro für die Platzierung in der Einzelwertung freuen.

Nicht ganz nach Plan lief es dagegen für Einzelreiter Christoph Wahler, der nach der schnellsten Geländerunde am Samstag bis auf den fünften Platz vorgerückt war und sich berechtigte Hoffnungen auf eine Top-Platzierung machen durfte. Von Platz 5 aus war er mit dem Diarado-Sohn D’Accord FRH ins Springen gegangen wo die beiden stark starteten, sich jedoch leider im zweiten Teil des Parcours zwei Abwürfe einhandelten, was sie in der Endabrechung einige Plätze nach hinten warf. Sie beendeten die zweite WM von Christoph mit -38,6 Punkten auf Platz 16 und damit immer noch innerhalb der Platzierung. ,,Klar bin ich ein bisschen enttäuscht, ich hatte mir schon Chancen ausgerechnet, aber eigentlich ist er super gesprungen. Dass es nicht unsere Spezialdisziplin ist das wussten wir vorher, man hofft natürlich immer, dass man heute einen Sahnetag erwischt, aber ich bin trotzdem wahnsinnig stolz auf D’Accord, der das hier diese Woche überragend gemacht hat.“

Richtig spannend wurde es erwartungsgemäß nochmal zum Ende der Prüfung, als die drei verbliebenen Briten ihre Ritte direkt hintereinander absolvierten. Bei Tom McEwen mit JL Dublin und Laura Collett mit London 52 fiel zwar jeweils eine Stange, jedoch hatten sie damit trotzdem eine gute Grundlage gelegt, um den Teamtitel nach Hause zu reiten. Nach Lauras Ritt war es außerdem schon klar, dass sie die Bronzemedaille sicher hat. Ros Canter hatte mit ihrem herausragenden Lordships Graffalo ebenfalls ein paar Momente in denen ein kurzes Raunen durch die voll besetzten Zuschaueränge ging, doch es blieben alle Stangen liegen und die beiden beendeten die Prüfung, als eines von nur vier Paaren der gesamten WM, mit ihrem Dressurergebnis von -23,4 Punkten. Hierzu ist jedoch noch einmal anzumerken, dass mit recht großer Wahrscheinlichkeit ihr Dressurergebnis etwas darunter gelitten haben dürfte, dass zeitgleich zu ihrem Dressurtest im Allianzpark Katharina Hemmer mit Denoix ihren Bronzeritt im Grand Prix Spezial beendete und das laute Jubeln der Zuschauenden im großen Stadion doch für etwas zusätzliche Spannung bei ,,Walter“ sorgte.

Durch Canters Nullfehlerritt war nun klar, dass Michi Jung sich weder einen Abwurf, noch mehr als einen Zeitfehler erlauben durfte, um Weltmeister zu werden. Dementsprechend war die Spannung im Stadion riesig, als die beiden zu ihrer Runde einritten. Zweimal fühlte Chipmunk an den Stangen, doch es blieb alles liegen und just in time galoppierten die beiden eine Sekunde unterhalb der erlaubten Bestzeit ins Ziel und durften sich vom Aachener Publikum als die neuen Weltmeister feiern lassen. Michi zeigte sich direkt nach seinem Sieg überwältigt: ,,Es ist unglaublich. Chipmunk ist ein fantastisches Pferd, wie er Dressur gehen kann, wie er galoppieren kann im Gelände, wie mutig und draufgängerisch er ist, trotzdem auch so schön zu reiten und auch hier im Parcours war er sehr konzentriert und ist so toll gesprungen. Dass ist schon unwahrscheinlich, dass ein Pferd all das mitbringt. […] Das Highlight war natürlich das Gelände mit den ganzen Zuschauern und die gigantische Stimmung dort. Ich hatte eine super Runde mit Chippi, es war von Anfang bis Ende einfach nur ,wow“ aber die ganze Woche war sensationell hier in Aachen. Toll, dass die ganzen Disziplinen hier wieder zusammen ausgetragen werden.“

Doch nicht nur die Einzelmedaille war mit dem Ritt sicher, sondern auch Teamsilber hatte Deutschland mit -95,6 Punkten hinter den Briten (-84,0), aber deutlich vor den US-Amerikanern auf dem Bronzerang (-113,5), gewonnen. In der Rückschau auf die WM in Aachen vor 20 Jahren fällt auf, dass die Deutschen und die Briten die Podiumsplätze jeweils getauscht haben: 2006 gewann Deutschland Teamgold, Großbritannien holte mit Zara Philipps und Toytown die Einzelgoldmedaille und in diesem Jahr hatte das britische Team die Nase vorne und den Einzelsieger stellten die Gastgeber mit Michael Jung.

Mit der Silbermedaille hat Deutschland nun auch bereits zum erstmöglichen Termin die Qualifikation zu den Olympischen Spielen in LA 2028 geholt. Neben Team Deutschland haben sich noch folgende weitere Nationen bei der WM in Aachen qualifiziert: Großbritannien, Irland, die Schweiz, Neuseeland, Schweden und Belgien (die USA sind als Gastgeber bereits qualifiziert).

Die von Deutschland gewonnenen Medaillen im Busch wurden heute auch für Bundestrainer Peter Thomsen erritten, der leider nach einem Reitunfall vor einigen Wochen nicht in Aachen vor Ort als Trainer fungieren konnte. Er verfolgte jedoch alle Disziplinen von zuhause aus, stand im engen Austausch mit dem ganzen Team und befindet sich weiterhin auf dem Weg des Besserung. Die deutsche Mannschaft betonte geschlossen, dass sie die Medaillen an diesem Wochenende auch ihm zu verdanken haben und in Aachen für ihn geritten sind, denn Peter hat bereits seit den Olympischen Spiele 2024 in Paris die Heim WM akribisch vorbereitet und sich auch sehr auf dieses Event gefreut. ,,Die Situation hat uns noch einmal enger zusammengeschweißt,“ so Julia Krajewski im Rahmen der Pressekonferenz, doch sie schob direkt nach: ,,We love you too, Annette,“ denn die Ausschussvorsitzende Dr. Annette Wyrwoll übernahm als Equipechefin viele organisatorische Aufgaben rund um die WM und arbeitete eng mit den weiteren Disziplintrainern des deutschen Teams zusammen. Eine schöne Geste im Rahmen der feierlichen Medaillenzeremonie war, dass die Pferdepfleger und Pferdebesitzer ebenfalls auf das Treppchen steigen durften und als Wertschätzung für ihr unermüdliches Engagement vom Veranstalter geehrt wurden.

Doch bei all der Euphorie merkte Julia Krajewski auch an, dass eine Championatswoche immer sehr intensiv sei und alle Beteiligten in der Regel wenig Schlaf bekämen und es auch schön sei, wenn man wieder in den Alltag zurückkehre. Auf die Frage einer amerikanischen Journalistin nach weiteren sportlichen Plänen in Richtung LA antwortete der Team-Bronzemedaillengewinner Will Coleman (USA) nur knapp, dass er sich nun erst einmal darauf freue, wieder zurück nach Hause zu kommen und seine Familie wiederzusehen. Wie es sportlich im kommenden Jahr weitergeht, werden man dann sehen. Ähnlich reagierte Michi Jung auch auf die Frage nach Chipmunks weiteren sportlichen Plänen für die Zukunft: ,,Wir werden alle älter, aber meine besten Pferde Sam und Rocana waren auch noch bis ins höhere Alter fit, denn die vielseitige Arbeit mit Dressur, Springen, Gelände, Ausreiten und Galopptraining ist sehr gut für die physische und auch die psychische Gesundheit der Pferde. Also wir werden sehen, vielleicht Avanches. Wer weiß?“

In diesem Sinne lassen wir nun diese außergewöhnliche sportliche Woche erst einmal auf uns wirken und erfreuen uns daran, die tollen Runden unserer deutschen Reiter noch das ein oder andere Mal im Video (unten stehend verlinkt) anzusehen, bevor das Rad weiter gedreht wird und es wieder in die Startbox geht.

Video – Die Runde im Springparcours zu Einzelgold von Michi und Chipmunk

Video – Die Geländerunde von Michi und Chipmunk

Fotos: Lutz Kaiser @Datenreiter

WM Aachen Vielseitigkeit: Michael Jung übernimmt Führung